Die Stammpflege bei Bäumen und der Obstbaumanstrich


Was ist der Baum?
Die Frage soll diese Art "Wellnesspflege" für unsere Gartenbäume (insbesondere Obstbäume) vor einem tieferen Hintergrund erscheinen lassen:

"Nun schauen wir uns den Baum an. Was ist er denn eigentlich im ganzen Haushalt der Natur? Wenn wir ihn nämlich verständig anschauen, so können wir zunächst zum eigentlich Pflanzlichen nur rechnen beim Baum dasjenige, was in dünnen Stengeln, in den grünen Blätterträgern, in Blüten, in Früchten herauswächst. Das wächst aus dem Baum heraus, wie die Krautpflanze aus der Erde wächst. Der Baum ist nämlich wirklich für dasjenige, was da an den Zweigen wächst, die Erde. Er ist die hügelig gewordene Erde, nur die etwas lebendiger gestaltete Erde als dasjenige, aus der unsere Kraut- und Getreidepflanzen herauswachsen. (Rudolf Steiner, Landwirtschaftlicher Kurs, S.179f.) "


Die Bodenpflege für die krautigen Pflanzen, die Stammpflege für die im "Baumboden wurzelnden" Blätter und Früchte. Dieser Baumboden heißt botanisch Kambium (= dünne, teilungsfähige Gewebeschicht im Querschnitt zur Sproßachse als geschlossener Ring unterhalb der Rinde). Im weitesten Sinne geht es sowohl bei der Düngung des Bodens wie auch beim Stammanstrich um die Verlebendigung der jeweiligen Lebenssphären. Diese bestehen für die krautigen Pflanzen in einer dünnen Schicht Humus und für die Blätter und Früchte im dünnen Kambium:



Wie aber Bodenpflege nicht allein Düngung bedeutet, so umfasst die Stammpflege nicht allein den Stammanstrich. Einige weitere Punkte möchte ich nur kurz andeuten:



Der Baumstamm und das grobe Geäst sollte also durch verschiedene Pflegemaßnahmen gesund erhalten werden. Obstbäume brauchen zudem eine besondere Pflege, da der Mensch diese Pflanzen durch die Veredelung zur Erzielung wohlschmeckender Sorten in ihrer Lebenskraft, Frostresistenz und Standfestigkeit schwächt. Er sollte daher zu den oben beschriebenen für alle Bäume gültigen Schutzvorkehrungen das Kambium durch einen Stammanstrich auf die Rinde stärken.


Deshalb empfehle ich als Dauerpflege pro Jahr einen bis zwei Stammanstrich/e. Der erste Anstrich kann im November nach dem Blattfall, ein zweiter Anstrich im Februar vor dem Knospenschwellen erfolgen (bei trockener, frostfreier Witterung). Der zweite Anstrich im Spätwinter ist vor allem sinnvoll, wenn der erste Anstrich durch einen nassen Winter fast "abgewaschen" wurde. Wer nicht jedes Jahr Zeit hat, kann den Stamm seiner Bäume auch 2-4jährlich streichen, wodurch noch Wirkungen erzielt werden.
Dieser Anstrich dient zur Vermeidung von Frostrissen (insbesondere bei Jungpflanzen) , zur Schädlingsbekämpfung (z.B. legen Frostspanner ihre Eier in Ritzen der Apfelstämme ab), gegen Wildverbiß und im Sinne erwähnter "Baumbodenpflege" zur Düngung des Kambiums. Die Wirkung von Kompost und der Einsatz spezieller biologisch-dynamischer Kompost- wie auch Feldspritzpräparate zur Verlebendigung des Gartenbodens wird zunehmend anerkannt. Noch viel zu wenig Augenmerk wird auf die Verlebendigung des Kambiums, also des "Baumbodens" gelegt. Der Obstanbau sollte vermehrt zu diesem Mittel greifen, um die Gesundheit der Früchte zu steigern. Volkmar Lust hat in seinen Anbauversuchen bereits vor einigen Jahrzehnten gezeigt, daß Stammanstriche im biologischen Obstbau gesundende Auswirkungen zeigen (s. Volkmar Lust, "Biologischer Obst- und Gemüseanbau", Ulmer Verlag, 1987, S. 69f.). Bemerkenswert ist sein Ansatz, den Stammanstrich in verdünnter Form als "biologische Winterbehandlung ins kahle Geäst" auch dem feineren Astwerk bei Bäumen und dem Strauchobst (Johannisbeeren, Himbeeren etc.) zukommen zu lassen.

Wie wird der Anstrich gemacht?
Setzen Sie zuerst den Anstrich in einem größeren Gefäß an, damit er einen halben bis zu einem Tag quellen kann (sonst erfolgt Aufplatzen am Baum). Die Zwischenzeit nutzen Sie damit die Bäume zu säubern. Bei jüngeren Bäumen nehmen Sie hierzu z.B. eine nicht zu scharfe Schuhbürste, bei älteren Bäumen können Sie eine Drahtbürste nehmen. Damit reiben Sie alle losen Rindenteile, Moos und Flechten ab.

Entfernen sie auch mit einer Baumschere Wild- und Edeltriebe im unteren Stammbereich und legen Sie mit einer Hacke oder von Hand den Stammbereich oberhalb der Wurzel frei. Besonders bei kleinen Obstbäumen ist es wichtig, daß die Veredelungsstelle (Verdickung am Stammfuß) nicht mit Erde bedeckt ist. Ansonsten besteht die Gefahr, daß das Edelreis eigene Wurzeln bildet, was die Wuchseigenschaften und Fruchtbildung meist stark verschlechtert.

Dann können Sie den Stammanstrich mit einem Handfeger ("Kehrwisch") oder einem Malerquast auftragen. Streichen Sie den ganzen Stamm und die beginnende Krone so hoch wie sie hinkommen. Der Anstrich sollte nicht zu flüssig aber auch nicht zu fest sein.

Die Bestandteile des Anstrichs:

Da gibt es verschiedene Empfehlungen. Allen gemeinsam sind zwei Grundbestandteile: Lehm und Kuhfladen. Ein guter "Draht" zu einem Landwirt kann hier ganz nützlich sein. Weitere Zusätze bestehen meist aus verschiedenen Heilkräutern, Haftmitteln u.a.. Ihrer Experimentierfreude sind hier keine Grenzen gesetzt. Hier Rezepturen:

An verschiedenen Stellen werden weitere Heilpflanzen- und sonstige Zusätze für den Anstrich angegeben: Gerstengrannen, Kälber- oder Rehhaare, Holzasche, Auszüge von Rainfarn, Wurmfarn, Wermuth, Brennnessel. Wasserglas ist in Apotheken erhältlich. Wer die anderen Zutaten nur schwer beschaffen kann, kann auch das fertige Mittel Preicobakt oder Stammanstrich im Handel erwerben. Für weitere Informationen besuchen Sie folgende Seiten:

www.bio-gaertner.de/....Baumanstrich.html
www.holzl.de/Biogarten/HerbstWinter.htm
www.bio-xxl.de/archivar/artikel/bioschutz5.php

Was hat der Obstbaumanstrich für Wirkungen? Hierzu ein Zitat von Heinz Erven, einem früheren Biogartenpionier aus seinem "Paradies" in Remagen (Quelle: "Mein Paradies", Eigenverlag, 1981, S. 76):

"Durch diese Maßnahme erziele ich mancherlei Vorteile: der Stamm wird im Lauf der Jahre ganz glatt, so daß Schadinsekten keinen Platz zum Überwintern finden. Außerdem werden dem Baum über die Rinde Kieselsäure aus dem Kaolin sowie die Bestandteile der Kuhfladen als Düngung zugeführt. Hinzu kommt noch, daß der weiße Anstrich im Frühjahr die Sonneneinstrahlung zurückwirft und zu frühes Austreiben verhindert. Dadurch kann mancher Frostschaden verhindert werden...Nicht jeder Gärtner hat das Glück, so wie ich, Kaolin ganz in der Nähe erhalten zu können. Er nimmt statt des Kaolin Kalk, muß aber dann zum Aufrühren einen starken Schachtelhalmabsud verwenden, damit der Anstrich den so wichtigen Kieselsäuregehalt hat. Kieselsäure stärkt die Zellwände und schützt so den Baum vor dem Eindringen pilzlicher u.a. Erkrankungen."

Erven beschreibt auch, daß er die Rutenkrankheit bei Himbeeren mit dem verdünnten Anstrich zurückdrängen konnte. Der Obstbaumanstrich macht somit deutlich: Vorbeugen ist besser als heilen.